“Das Umsonst [ist] der basso continuo des Neuen Testaments”, schrieb der systematische Theologe I. U. Dalferth im Vorwort seines im Jahr 2011 erschienenen Essays. Dass etwas “umsonst” ist, bedeutet – wie seine deutschen Synonyme zeigen –, dass etwas „ohne Gegen- oder Vorleistung“ zugänglich ist, dass also etwas “kostenlos”, “gebührenfrei” oder “unentgeltlich” gegeben oder erhalten wird. Nicht nur in der heutigen alltäglichen Kommunikation, sondern auch im biblischen Kontext der Antike ist es ein stark ökonomisch geprägtes Phänomenon. In welchem Sinne ist das “Umsonst” also der “basso continuo” des Neuen Testaments?
Dieses Dissertationsprojekt setzt sich zum Ziel, die vielfältige Verwendung des Begriffs δωρεάν (umsonst/kostenlos) im Neuen Testament detailliert zu untersuchen und im Kontext der philosophischen, sozialwissenschaftlichen und theologischen Diskussionen zur Thematik der Gabe sowie der griechisch-römischen Antike inklusive des antiken Judentums umfassend zu profilieren.
Die Adverbien δωρεάν und ἀδάπανον erscheinen im Sinne von “umsonst/kostenlos” insgesamt zehnmal in den Büchern des Neuen Testaments (Mt 10,8*2; Joh 15,25; Röm 3,24; 1Kor 9,18; 2Kor 11,7; Gal 2,21; 2 Thess 3,8; Offb 21,6; 22,17). Im Wesentlichen fallen hierbei insbesondere die beiden folgenden Punkte auf: Einerseits sind die Kontexte des jeweiligen Gebrauchs groß unterschiedlich: Während sich das Adverb im Römer- und Galaterbrief auf die Rechtfertigung durch Gott bezieht, geht es im Matthäusevangelium, in den beiden Korintherbriefen und im 2. Thessalonicherbrief um die Evangeliumsverkündigung. In der Johannesoffenbarug ist das Adverb mit der eschatologischen Vision einer neuen Welt verbunden. Andererseits stehen aber alle diese Verwendungen – mit Ausnahme des Belegs im Johannesevangelium, bei dem es sich um ein Zitat aus der LXX handelt – im Zusammenhang mit der Gnade Gottes und seiner Verkündigung.
Aus diesen Beobachtungen heraus stellt sich die Frage, wie sich die Gemeinsamkeiten und zudem auch die Unterschiede in der Verwendung des Adverbs in den verschiedenen neutestamentlichen Texten interpretieren lassen. Worauf deuten die Vergleiche mit soziologischen und philosophischen Diskursen und mit der griechisch-römischen Antike hin? Was bedeutet im Neuen Testament gemeinhin, dass die Gnade Gottes den Menschen “umsonst/kostenlos” bzw. "als Gabe“ gegeben wird, und warum sollten frühchristliche Missionare sie “umsonst/kostenlos” verkündigen? Was ist bzw. bedeutet “Umsonst” im Neuen Testament? Um alles diese Fragen hinreichend beantworten zu können, soll in diesem Projekt der umfassende Versuch unternommen werden, durch sozialwissenschaftlich orientierte exegetische Studien zu erhellen, wie dieser Begriff im Frühchristentum mit dem Evangelium der Gnade Gottes und seiner Verkündigung verbunden ist.