Die Frage, wie moderne Männlichkeit gelebt werden kann, ist gesellschaftlich präsent. Während in einigen Kreisen traditionelle Geschlechterrollen gestärkt werden,1 wird in anderen Kreisen mit Stichworten wie “toxische Männlichkeit” darüber diskutiert, wie “Mann” sich feministisch und antipatriarchal verhalten kann. Damit verbunden nimmt das Bewusstsein für die Verflechtung von Machtdynamiken und Geschlechtlichkeit zu. Das spiegelt sich auch in der alttestamentlichen – wie anderer historischer – Wissenschaft wider.2
Der gewählte Textkorpus (Jeremia) bietet ein Potential für die Untersuchung ebendieser Verflechtung. Das Jeremiabuch zeichnet den Propheten als klagende und leidende Figur. Jeremia wird (aufgrund seines prophetischen Amtes) sozial isoliert,3 gefangen genommen und verachtet,4 geschlagen und soll sogar getötet werden.5 Dem korrespondieren die fünf als “Konfessionen” bezeichneten Klagetexte.6 Durch diese Charakterisierung entspricht der literarische Jeremia heutigen Vorstellungen von hegemonialer Männlichkeit nicht.7 Lässt sich das auch für das alttestamentliche und altorientalische Verständnis von Männlichkeit sagen? Dem soll nachgegangen werden, indem die Darstellung des Körpers Jeremias untersucht wird. “Menschenbilder und Körperkonzepte gehören zu den Ausgangspunkten individueller und gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen, zu den impliziten Axiomen, die gesellschaftliches und individuelles Leben leiten und legitimieren.”8 So ermöglicht die Analyse der Darstellungen des Körpers Jeremias über das Buch hinausgehend einen Einblick in dessen lebensweltliche Hintergründe.
Im Fokus des Dissertationsprojektes stehen anthropologische Fragestellungen, die unter Einbezug der Masculinity Studies und auf Grundlage eines historisch-kritischen Zugangs bearbeitet werden. Anhand der Texte Jer 1,4–19;9 13,1–11;10 15,10–21;11 20,1–1812 und 38,1–1313 sollen verschiedene Facetten des prophetischen Körpers in unterschiedlichen Zusammenhängen in den Blick genommen werden. Exkurse zu ausgewählten Themen tragen dazu bei, das Bild des Körpers Jeremias zu vervollständigen.14
Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei folgende Forschungsfragen:
- Wie wird der Körper des Propheten im Jeremiabuch dargestellt?
- Wie und in welchen thematischen Zusammenhängen wird auf Jeremia bezogene Körperterminologie
genutzt? - Welche Funktion erfüllt der Körper des Propheten im Jeremiabuch?
- Wo finden sich Unterschiede in der Darstellung des Körpers Jeremias und lassen sie sich
verschiedenen redaktionellen Schichten des Jeremiabuches zuordnen? - Was trägt der Befund für die Forschung zur Anthropologie des Alten Testaments und die
Masculinity Studies aus?
Anmerkungen:
1 Vgl. die sog. “Manosphere”.
2 Feministische Wissenschaftlerinnen setzen sich seit den 1970er Jahren vermehrt für Forschung mit einem kritischen Blick auf das Geschlechterverhältnis ein. Diesen nacheifernd bilden sich in der alttestamentlichen Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten die „Masculinity Studies“ heraus.
3 Jer 15,17; 16,1–9.
4 Jer 32,2–3; 38,28; 40,1.
5 Jer 20,1–7; 38,1–13.
6 Jer 11,18–12,6; 14,14–18; 15,10–21; 18,19–23; 20,7–18.
7 "Hegemonic masculinity was understood as the pattern of practice (i. e. things done, not just a set of role
expectations or an identity) that allowed men’s dominance over women to continue." (CONNELL, RAEWYN
W./MESSERSCHMIDT, JAMES W., Hegemonic Masculinity. Rethinking the Concept, in: Gender and Society 19
(2005), 832).
8 Berlejung, Angelika/Dietrich, Jan/Quack, Joachim Friedrich (HG.), Menschenbilder und Körperkonzepte im
Alten Israel, in Ägypten und im Alten Orient (ORA 9), Tübingen: Mohr Siebeck 2012, V.
9 Jer 1,4–19 eröffnet – passend zu seiner Funktion als Berufungserzählung – verschiedene mit dem Körper
verbundene Themenkomplexe: Gewalt und Dominanz, Schutz und Rettung, biographische Prozesse, körperlich
ausgedrückte Emotionen, Sinneseindrücke, der Körper in Metaphern, sowie räumliche Bewegung
und Positionierung. Als Körperteile werden konkret Mund ( פֶּ ה ) und Hüfte ( מָתְנַיִ ם ) benannt.
10 Jer 13,1–11 stellt den Körper ins Zentrum einer Zeichenhandlung. Dabei geht es um die Hüfte ( מָתְנַיִם ) des
Propheten und einen Lendenschurz. Der Lendenschurz symbolisiert das Volk, das Gott nah sein soll wie
der Lendenschurz dem Körper des Propheten. Dadurch entsteht innerhalb der Zeichenhandlung eine Parallelität
des Körpers Jeremias mit dem göttlichen Körper.
11 Jer 15,10–21 gehört zu den als Konfessionen bezeichneten Klagetexten des Propheten. Der Textabschnitt
präsentiert sich ähnlich vielseitig wie Jer 1,4–19. Neu hinzu treten die Motivkomplexe rund um Scham,
Schande und Spott sowie Schmerz, Wunde und Krankheit. Es tauchen Bilder, die das Herz ( לֵב ) und den
Mund ( פֶּה ) besprechen, auf.
12 Jer 20,1–18 ist ein zweigeteilter Text. In V.1–6 wird beschrieben, wie der Priester Paschhur Jeremia schlägt
und für einen Tag in den Block sperrt. Daran schließt sich in V.7–18 eine Konfession an, die in erschütternder
Weise auf die in den vorhergehenden Versen beschriebene Gewalt zu reagieren scheint. Neben der
Unterdrückung des Körpers und bereits genannten Motiven wird ein Feuer in Herz ( לֵב ) und Gebeinen
עֲצָמֹת) ) beschrieben und das Geschlecht des Propheten angesprochen.
13 Jer 38,1–13 thematisiert einen Tötungsplan gegen Jeremia aufgrund der prophetischen Empfehlung zur
Kapitulation vor den Babyloniern. Der Prophet wird in eine Zisterne geworfen, in der er im Schlamm versinkt
und zu verhungern droht. Von Ebed-Melech, einem Hofbeamten, wird er – mithilfe von dreißig Männern
– an Seilen unter den Achseln der Arme ( אַצִּלוֹת יָדַיִם ) heraufgezogen und damit gerettet.
14 1) Der Mund des Propheten und der göttliche Mund, 2) Der Körper in den Zeichenhandlungen, 3) Der
Körper in den Konfessionen, 4) Der soziale Körper des Propheten, 5) Gefangenschaft und Bedrohung des
Lebens.