Edition Ideen zu einer Philosophie der Natur, Band I 13

Mit Band 13 wird die „Zweite durchaus verbesserte und mit berichtigenden Zusätzen vermehrte Auflage“ von Schellings erster naturphilosophischer Hauptschrift ediert. Während die Naturphilosophie der Erstauflage von 1797 noch gleichermaßen deduktiv-transzendental wie induktiv-naturwissenschaftlich verfährt, ist es um 1803 Schellings Anliegen, die im Akt absoluter Selbstanschauung begriffenen Ideen der Natur darzustellen. Die beiden Formen von Naturphilosophie von 1797 und 1803 werden in der Zweitauflage der „Ideen“ nebeneinandergestellt. Der Text der Erstauflage wird wiederabgedruckt, jedoch durch neu abgefasste Zusätze am Ende jedes Kapitels ergänzt.

Die Zweitauflage der „Ideen zu einer Philosophie der Natur“ stellt ein interessantes Dokument der Wandlungen der Philosophie Schellings zwischen Transzendental- und Identitätsphilosophie dar. Das bloße Nebeneinander beider Formen von Naturphilosophie in der Zweitauflage suggeriert eine Vereinbarkeit beider. Das Werk lässt verschiedene Modelle der Zuordnung beider Formen von Naturphilosophie erkennen, wie etwa ein Einheitsmodell von unvollkommener Vorstufe und Vollendungsform. So sehr Schelling sich jedoch aus der Perspektive seiner nun „vollkommenen“ Philosophie zu dem stellenweise „unvollkommenen“ Text der Erstauflage bekennt und ihn wiederholt, so fällt doch auf, dass der Text der Erstauflage vereinzelt revidiert und abgeändert wird. Daneben wirkt mancher korrigierende Hinweis in einem Zusatz von 1803 stark auf das methodische Fundament der Naturphilosophie von 1797 zurück, so etwa die korrigierende Einführung einer dritten Kraft in der Materiekonstitution gegenüber dem Zwei-Kräfte-Modell der Erstauflage.

Die beiden Auflagen stehen für das Bemühen um ein modernes, wissenschaftliches Verstehen der Natur frei von den metaphysischen Vorgaben traditioneller theologischer Schöpfungsvorstellungen und ihren natürlich-theologischen Nachfolgern. Bei Schelling schlugen sich die Überlegungen zur Natur in dessen Verständnis des Natur-Seins des Menschen und damit wiederum in der Religionsphilosophie und philosophischen Theologie nieder. Die Natur ist das Beispiel, an dem Schelling seit 1797 zunächst die Anforderungen an eine moderne wissenschaftliche Methodik erprobt. Mythologie und Religion sind die Themen, denen er sich danach zuwenden wird.

Interessant ist auch, dass sich Schelling bereits vor der Erstauflage von 1797 mit Mythologie und Religion beschäftigte. Die in Wien vorbereiteten Nachlassbände II 1–5 dokumentieren das zwischen 1792 und 1795 während des Theologiestudiums verfolgte Projekt der „Vorstellungsarten der Alten Welt“. Wurde hier die natürliche Ausbildung bestimmter Mythologeme und Philosopheme in früheren Epochen der Menschheitsgeschichte untersucht, so wird von der Naturphilosophie nun sehr ähnlich – sozusagen im „Buch der Natur“ – die notwendige Ausbildung bestimmter Formen und Strukturen in der Natur untersucht. Die Natur wird als eine mythologische Vorstellungsart verstanden. Schelling verlegt zwischen 1797 und 1803 auf diese Weise die hermeneutisch-exegetischen Überlegungen in den Bereich der Naturphilosophie.

Die seit 2018 vorliegende Edition der Zweitauflage, die von Patrick Leistner gemeinsam mit Manfred Durner vom Münchener Schelling-Archiv herausgegeben wird, fokussiert auf die Änderungen und Neuerungen der Zweitauflage. Dies geschieht durch die erstmals vollständige textkritische Dokumentation der Veränderungen gegenüber der Erstauflage. Der Editorische Bericht unternimmt es, den Entwicklungsgang der Naturphilosophie Schellings zwischen 1797 und 1803 historisch und werkgeschichtlich nachzuzeichnen und deren jeweilige Eigenart zu würdigen. Die erklärenden Anmerkungen des Bandes I 13 beziehen sich meist auf die von Schelling 1802 neu abgefassten Zusätze von 1803.

Herausgeber:

  • Manfred Durner
  • Mag. Patrick Leistner

Kooperationspartner: