Neuer Herrscher im Sultanat von Oman

Interview von Livia Stiller mit Prof. Dr. Wolfram Reiss zur Situation im Oman nach dem Tod von Sultan Qaboos

LS: Am vergangenen Freitag, dem 10.1.2019, ist Sultan Qaboos, der am längsten amtierende Herrscher im Nahen Osten, gestorben und gleich am nächsten Tag wurde ein Thronfolger, Haitham bin Tariq eingesetzt. Anscheinend erfolgte die Amtsübergabe sehr schnell und ohne Streitigkeiten. Wie schätzen Sie das ein?

Ja, Sultan Qaboos ist am Freitag nach längerer Erkrankung an Darmkrebs gestorben. Obwohl er kinderlos blieb und auch keinen Bruder hatte, gab es anscheinend keine Streitigkeiten um seine Nachfolge. Sultan Qaboos bestimmte, dass aus dem Kreis seines Onkels Tariq bin Taimur ein Nachfolger innerhalb von 3 Tagen von der königlichen Familie bestimmt wird. Wenn das nicht möglich wäre, sollte ein versiegelter Brief geöffnet werden, in dem der Sultan selbst einen Nachfolger benennt. Die Familie verzichtete nun nach offiziellen Angaben von Vornherein darauf, eine solche Diskussion zu beginnen und ließ am Samstag sofort den Brief mit dem Willen des Sultans öffnen. Darin fand sich als gewünschter Nachfolger der Name von Haitham bin Târiq aus der Sa‘îd-Familie. Daraufhin wurde er ohne weitere Diskussionen umgehend sofort ins Amt eingeführt. So jedenfalls die offizielle Erzählung. Es wurden im Vorfeld allerdings durchaus auch noch andere Personen diskutiert, unter anderem sein Bruder Assad bin Tariq. Seine Ernennung zum stellvertretenden Premierminister für internationale Kooperation im Jahr 2017 sahen manche Beobachter als Anzeichen dafür, dass er der Favorit des verstorbenen Sultans war. Aber Sultan Qaboos hielt sich bis zuletzt bedeckt hinsichtlich seiner Thronnachfolge, u.a. weil er befürchtete, dass Saudiarabien oder der Iran versuchen würden, den designierten Nachfolger für sich zu gewinnen oder die Wahl zu manipulieren. Das Sultanat hat angesichts der derzeitigen Krise in der Region jedenfalls größtes Interesse daran, dass es keinerlei Diskussionen über die Thronnachfolge gibt.

Sicherlich war die Amtsübergabe aber gut vorbereitet, denn die Krebserkrankung des Sultans dauerte jetzt schon über mehrere Jahre. Und Sultan Qaboos, der als umsichtiger und besonnener Planer bekannt war, hat wohl schon im Vorhinein bereits Vorkehrungen getroffen, um möglichst Streitigkeiten zu vermeiden. Das eindeutige Votum des Sultans für Haitham bin Târiq, der in der Bevölkerung wegen seiner umfassenden Reformen in seiner fast 50jährigen Regierungszeit sehr beliebt war, würde es jedenfalls jedem Konkurrenten extrem schwer machen diese Entscheidung anzufechten.

LS: Wer ist nun dieser neue Herrscher und sind mit seinem Antritt Veränderungen in der Politik zu erwarten?

Haitham bin Tariq ist der Cousin des Sultans. Er hat in Oxford im „Foreign Service Programme“ studiert und gilt als Fußball-Enthusiast. Er war in den 80er Jahren Vorsitzender des Fußballverbandes des Sultanats. Er ist 65 Jahre alt und bringt bereits Erfahrung in Regierungsgeschäften mit. Er war zunächst einige Jahre im Außenministerium in verschiedenen Funktionen beschäftigt (Unterstaatssekretär 1986-1994, dann Generalsekretär 1994-2002). Ab 2002 war er dann „Minister für das kulturelle Erbe Omans“. Noch wichtiger für seine Ernennung war wahrscheinlich aber, dass er auch Vorsitzender eines Ausschusses war, das einen Strategieplan für den „Oman Vision 2040“ entwarf. Sicherlich wäre er nicht ausersehen worden, wenn seine Pläne im Widerspruch zu Vorstellungen von Sultan Qaboos gestanden hätten.

In dem Papier wird insbesondere das partizipatorische Herangehen betont. Die verschiedenen Provinzen, Stakeholder aus der privaten Wirtschaft, Jugendliche und Vertreter von verschiedenen Stämmen und Organisationen der omanischen Gesellschaft sollen einbezogen werden, um Perspektiven für die vier Bereiche „Bevölkerung und Gesellschaft“, „Wirtschaft und Entwicklung“, „Herrschaft und institutionellen Wandel“, „Umwelt und Natur“ zu entwickeln. Dabei sollen internationale „best practices“ aufgegriffen werden und die Kooperation mit verschiedenen Institutionen und Organisationen gesucht werden.

Insoweit ist durchaus zu erwarten, dass die Reformpolitik von Sultan Qaboos weiter fortgeführt wird, auch wenn das nicht einfach sein wird. Dies hat Haitham bin Tariq auch in seiner ersten Rede ausdrücklich bestätigt. Er will die Politik der Neutralität und der Vermittlung, durch die sich der Oman in den letzten Jahrzehnten ausgezeichnet hat weiterführen.

LS: Wie sieht es konkret im Blick auf die Beziehungen zu den Nachbarstaaten aus? Gegenwärtig gibt es durch die Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran ja große Befürchtungen, dass es zu einem größeren Krieg in der Region kommen könnte. Welche Rolle spielt hier der Oman?

Der Oman hat große Erfahrungen mit der Politik der diplomatischen Vermittlung. Bereits zum Ende des Iran-Irak-Krieges (1980-1988) fanden Verhandlungen für einen Waffenstillstand in Maskat statt. Bei dem Atom-Deal zwischen dem Westen und dem Iran hat der Oman ebenfalls eine zentrale Rolle gespielt, weil er Verhandlungen 2012-2015 ermöglichte. Der Oman hatte stets gute Beziehungen zum Iran, aber auch zum Westen. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Iran und Oman sind nach wie vor eng, was auch daran liegt, dass ein nicht geringer Teil der Bevölkerung Omans ursprünglich aus dem Balutschistan stammt, d.h. der Grenzregion zwischen Iran und Pakistan. Der letzte Teil, der strategisch wichtige Hafen Qwadar Belutschistans, wurde erst 1958 an Pakistan verkauft. Die Baluchis stellen immerhin ca. 25% der Bevölkerung im Oman und nach wie vor gibt es intensive wirtschaftliche, soziale und kulturelle Beziehungen in die Region.

An dieser Politik der Vermittlung und der Neutralität will der Thronfolger – zum Ärger von Saudiarabien - offenbar festhalten. Das hat Haitham bin Tariq jedenfalls in seiner ersten Rede am Samstag sofort an allererster Stelle bekräftigt. Der Oman hat sich in jüngster Vergangenheit auch in andere Konflikte in der Region nicht hineinziehen lassen. Das Sultanat hat sich z.B. beharrlich geweigert, in die von Saudiarabien angeführte Koalition gegen die Huthis im Yemen 2017 einzusteigen. Er hat sich auch geweigert bei der Blockade von Qatar mitzumachen. Auch im Irak und Syrien ist Oman neutral geblieben. Vielmehr hat das Sultanat an seiner Politik der Neutralität und der diplomatischen Vermittlung festgehalten und in mancher Hinsicht auch wirtschaftlich von den Konflikten profitiert, denn die Qataris haben den Omanis sehr gedankt, dass sie sich nicht am Boykott beteiligt haben. Auch mit dem Iran gibt es intensive Wirtschaftsbeziehungen und 2014 einigte man sich auf eine Pipeline am Boden des Persischen Golfes. Diese intensiven Kontakte zum Iran werden sowohl von der USA als auch von Saudiarabien misstrauisch beäugt.

LS: Sind Veränderungen im Blick auf die Beziehungen zum Westen zu erwarten?

Die Beziehungen des Sultanats zu England sind traditionell gut. Der letzte Sultan ist mit militärischer Beihilfe des UK überhaupt erst 1970 an die Macht gekommen. Sowohl Sultan Qaboos als auch der jetzige Thronfolger haben ihre Ausbildung in England erhalten. Insoweit ist kaum mit einer Verschlechterung zu rechnen. 

Im Unterschied zu zahlreichen Staaten des Nahen Ostens besteht auch traditionell nicht so ein starker Bedarf der Abgrenzung gegenüber dem Westen, weil der Oman nur eine sehr kurze Zeit von Portugiesen besetzt war, und die Omanis im 19. Jh. selbst ein Imperium errichteten, das auf Augenhöhe mit den europäischen Kolonialmächten verhandelte. Zum anderen ist der Oman immer eine Nation gewesen, bei der der Handel im Vordergrund aller Politik stand. Insoweit ist der Oman an guten Beziehungen sowohl zum Westen als auch zu den Nachbarländern und nach Indien interessiert.  

Mit zahlreichen europäischen Ländern und mit Amerika wurden in den letzten Jahrzehnten die Beziehungen vertieft. Es gibt intensive wirtschaftliche Beziehungen zu verschiedenen europäischen Ländern, in die USA, sowie nach Indien, weil der Oman viel Geld in die Verbesserung der Infrastruktur des Landes investierte. Es wurde z.B. intensiv in den Straßenbau, in die Bildung, in das Gesundheitssystem, in den Umweltschutz investiert. Zudem entsandte das Sultanat zahlreiche Studenten in verschiedene Länder, um die Bildung zu verbessern. In Kooperation mit der TH Aachen wurde auch eine Deutsche Universität im Oman aufgebaut, die German Tech University, die heute als Elite-Universität im Oman gilt.

Selbst zu Israel hat das Sultanat gute Beziehungen. Während der Oslo-Verhandlungen empfing Sultan Qaboos den Ministerpräsidenten Yitzhaq Rabin 1994 und 2018 sogar Benjamin Netanyahu. Insoweit ist auffällig, dass auch Israel zum Nachruf des Sultans eine sehr positive Botschaft entsandte.  

LS: Wie sehen die Beziehungen nach Österreich aus?

Es gibt intensive wirtschaftliche Beziehungen auch nach Österreich. Z.B. ist die Strabag im Bauwesen im Oman sehr aktiv. Allerdings könnte noch vieles intensiviert werden. Der Vertreter der österreichischen Wirtschaftskammer in Maskat hat mir gegenüber 2016 geäußert, dass er sich eine sehr viel stärkere Kooperation mit dem Oman wünschen würde. Mit dem Österreichischen Austauschdienst (ÖAD) wurde 2012 ein Abkommen zur Entsendung von ca. 100 omanischen Studenten getroffen, die hier ein komplettes Studium in verschiedenen Bereichen der Technik und Naturwissenschaften absolvieren. Allerdings ist man im omanischen Bildungsministerium von der Betreuung sehr enttäuscht und hat deshalb in den letzten Jahren das Programm wieder zurückgefahren bzw. lässt es auslaufen.

Auch ein Studentenaustausch für Studierende der humanwissenschaftlichen Disziplinen mit der privaten Nizwa-University, den ich selbst initiiert habe, wurde leider ohne Evaluation und inhaltliche Begründung wieder von der DLE Internationale Beziehungen der Universität Wien abgebrochen. Wir hatten im Wintersemester 2015/16 fünfzehn Studierende an die Universität Nizwa entsandt und hatten im Sommersemester fünf omanische Studierende zu Besuch, für die ich ein spezielles Programm ausarbeitete. Ich denke es ist außerordentlich bedauerlich, dass dieses Projekt wieder aufgegeben wurde, denn der Oman wäre aufgrund seiner Prägung besonders interessant für einen Austausch auf wissenschaftlicher Ebene. Ebenso entsandten wir in den letzten Jahren Studierende der Religionswissenschaft und Theologie an das Scharia-Institut zu kurzfristigen Forschungs- und Studienaufenthalten. Sie waren ja selbst einmal bei einem dieser mehrwöchigen Austausche mit dabei.

LS: Ja, und das war für mich eine faszinierende Erfahrung. Einerseits, weil es ein Land ist, das von einer sehr konservativen Form des Islam geprägt ist, andererseits weil es zugleich ein Land ist, das sehr weltoffen, modern und tolerant ist. Aber warum ist der Kontakt zum Oman aus Ihrer Sicht so interessant?

Es gibt einige Ähnlichkeiten zu Österreich hinsichtlich der historischen Prägung. Der Oman war ähnlich wie die k.u.k.-Monarchie ein großes Vielvölkerreich, das im 19. Jh. große Gebiete in Ostafrika und im Süden von Pakistan umfasste. Unter Sultan Qaboos entwickelte es eine Politik der Neutralität und Vermittlung. Zum anderen ist der Oman interessant, weil hier eine Politik der religiösen und ethnischen Toleranz gepflegt wird, die für den ganzen Nahen Osten beispielgebend sein könnte. Während sich in den umliegenden Ländern Schiiten und Sunniten bekämpfen, leben Schiiten, Sunniten und Ibaditen im Oman friedlich miteinander und beten z. B. auch gemeinsam in Moscheen. Darüber hinaus können auch Christen, Hindus, Buddhisten und Sikhs problemlos ihrer Religion nachgehen. Das wurde mir auch in vertraulichen Gesprächen immer wieder von verschiedenen Religionsgemeinschaften wie Christen, Hindus und Sikhs unisono versichert. Darin versucht sich der Oman deutlich zu unterscheiden von der Religionspolitik des großen Nachbarn Saudiarabien.

Der Staat hat in den letzten Jahrzehnten zudem unter Sultan Qaboos eine umfassende Entwicklung durchgemacht und ist innerhalb von ca. 50 Jahren zu einem modernen Staat geworden mit umfassenden Bildungseinrichtungen, einem guten Gesundheitssystem, mit einer guten Infrastruktur ohne dass die kulturellen Traditionen aufgegeben wurden und das Land mit Hochhäusern und irrwitzigen Projekten verschandelt wurde. Auf Umweltschutz wird sehr großer Wert gelegt und auf einen qualifizierten Bildungstourismus. Ich denke, dass darauf auch der neue Sultan großen Wert legen wird, denn immerhin war er Minister für das kulturelle Erbe des Oman.

Gleichzeitig wurde radikalen Gruppen und Hasspredigern mit eiserner Hand Einhalt geboten, so dass es al-Qaida oder IS oder anderen radikalen Gruppierungen nie gelang, im Oman Fuß zu fassen. So kann sich der Oman damit brüsten, dass kein einziger IS-Kämpfer rekrutiert wurde, und dass es keinen einzigen Anschlag in den letzten Jahrzehnten gab. Auch die Sicherheit ist sehr gut und die Kriminalitätsrate extrem gering. Das können selbst viele europäische Staaten nicht von sich behaupten.     

LS: Das hört sich ja fast nach einem orientalischen Märchenland an….

Ja, Vieles ist im Sultanat Oman besser gelaufen als in anderen Staaten des Nahen Ostens. Allerdings darf darüber nicht vergessen werden, dass dies nur deshalb gelang, weil die Herrschaft in der Hand eines aufgeklärten absolutistisch regierenden Herrschers lag, der sehr besonnen und umsichtig das Land regierte und nicht nur seine Familie und Sippschaft, sondern wirklich für die gesamte Bevölkerung nachhaltige Verbesserungen in vielen Bereichen brachte.

Trotzdem darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Staat weit davon entfernt ist, ein Staat nach westlichem Muster zu sein. Auch der neue Sultan wird wohl als absoluter autoritärer Herrscher weiterregieren. Als Sultan ist er nicht nur oberster Repräsentant, sondern auch Premierminister, Oberkommandeur der Streitkräfte, Finanzminister und Außenminister und hat in allen zentralen Entscheidungen das letzte Wort. Der neue Sultan Haitham bin Tariq tritt dabei ein schwieriges Erbe an, denn zum einen sind die massiven Fortschritte, die unter Sultan Qaboos erreicht wurden, wohl nicht in der gleichen Weise mehr fortführbar. Zum einen, weil viele Bereiche bereits sehr stark modernisiert wurden, und die rasante Entwicklung bereits unter Sultan Qaboos sich in den letzten Jahren stark verlangsamte. Zum anderen, weil die Preise für Öl und Erdgas gesunken sind, so dass die Einnahmen und damit auch der finanzielle Spielraum für Reformen geringer ist.

Schließlich gibt es Probleme mit den zahlreichen Absolventinnen und Absolventen der neu gegründeten Universitäten. Durch die Gründung von 29 Universitäten in den letzten Jahren wurde zwar die Bildung extrem verbessert, aber nicht für alle Abgängerinnen und Abgänger gibt es Stellen. Man versucht zwar mit einem Projekt zur Omanisierung Stellen für omanische Staatsbürger zu reservieren, um nicht nur ausländische Kräfte in Führungspositionen zu haben, aber das gelingt nur zum Teil und ist bei weitem nicht ausreichend.

Zudem wurden auch im Oman immer wieder Forderungen zur stärkeren Demokratisierung laut. Diese wurden allerdings mit einer Mischung aus harten Repressionen, sozialen Wohltaten und begrenzter politischer Beteiligung wieder zurückgedrängt. Ob das auf Dauer gelingen wird, wenn die Finanzen des Staates zurückgehen und die Zahl der gebildeten Arbeitslosen noch weiter steigt, ist die große Frage. Dem neuen Sultan Haitham bin Tariq ist jedenfalls zu wünschen, dass er die gegenwärtige moderate Politik von Sultan Qaboos auch unter erschwerten Bedingungen weiterführen kann. Den Vorsatz hierfür hat er zweifellos.     

Wolfram Reiss ist Professor für Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Im Rahmen des Schwerpunktes Oman wurden in den letzten Jahren mehrfach Exkursionen und Forschungen zur interreligiösen Situation im Oman durchgeführt. 2015 initiierte er eine Partnerschaft von vier Fakultäten der Universität Wien mit der privaten Universität Nizwa. Zudem wurden jedes Jahr Studierende der Evangelischen Theologie zu einem 6wöchigen Kurs an das Scharia-Institut und Studierende anderer humanwissenschaftlicher Fächer zu Arabisch-Studien und Forschungen in den Oman entsandt.

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Livia Stiller mit Theologie-Studierenden und Lehrern im Scharia-Institut.