Instituts- und Personengeschichte der Religionspädagogik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

1 Geschichte und Forschungsprofil

Da evangelische Pfarrer*innen in der Regel acht Stunden Religionsunterricht zu erteilen haben, gehört die Vorbereitung auf diese praktische Tätigkeit im späteren Pfarrberuf von Anfang an zur Aufgabe der praktisch-theologischen Ausbildung in Österreich. Die Katechetik bzw. Religionspädagogik wurden daher als Teilbereich der Praktischen Theologie im jeweils erforderlichen Ausmaß gelehrt. Dennoch war lange Zeit an der ETF kein spezifisches religionspädagogische Forschungsinteresse zu erkennen, die Katechetik bzw. Religionspädagogik bildete ein „Schattendasein“. Diese Situation an der Evangelisch-Theologischen Fakultät änderte sich grundlegend, als zu Beginn der 1980er Jahre das Institut für Religionspädagogik gegründet wurde. Grundlegende Fragen der Ausbildung von evangelischen Religionslehrer*innen werden nun nicht nur in der Lehre entfaltet, sondern mit wissenschaftlichen Methoden erforscht. In diesem Sinne ist das gegenwärtige Forschungsprofil des Instituts für Religionspädagogik durch die Anwendung historischer, empirischer, systematischer sowie komparativer Methoden gekennzeichnet, wobei eine starke interdisziplinäre sowie eine zunehmende internationale Ausrichtung zu beobachten ist. 

2 Lehrstuhlinhaber*innen seit 1982

Susanne Heine, 1982–1990 (Extraordinariat)

* 17.1.1942 in Prag

Mit ihrer Schrift „Biblische Fachdidaktik – Neues Testament“ aus dem Jahre 1976 wurde Susanne Heine die erste habilitierte evangelische Religionspädagogin an der Fakultät und 1982 außerordentliche Professorin für Religionspädagogik am Institut für Praktische Theologie. Danach war sie Professorin für Praktische Theologie in Zürich und ab 1996 wieder in Wien.

Für die Etablierung des Fachgebietes Religionspädagogik waren neben ihren Beiträgen zur Fachdidaktik und der Lehrer*innenbildung vor allem die Herausgabe der von ihr mitgegründeten religionspädagogischen Fachzeitschrift Schulfach Religion entscheidend, welche gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen ReligionslehrerInnen an  Allgemeinbildenden Höheren Schulen in Österreich“ seit 1982 am Institut herausgegeben wird.  Einen weiteren Forschungsschwerpunkt in ihrer Zeit am Institut bilden Beiträge zur feministische Hermeneutik und Theologie.

Publikationen

  • Biblische Fachdidaktik –Neues Testament, Wien-Freiburg: Herder, 1976
  • Wiederbelebung der Göttinnen? Zur systematischen Kritik einer feministischen Theologie, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,1987

Gottfried Adam, 1991–2008

* 1.12.1939 in Treysa/Hessen

Er zeichnet sich durch eine umfängliche religionspädagogische Publikationstätigkeit aus, wobei die Themen breit gefächert sind und von der Didaktik des schulischen Religionsunterrichts über die Gemeindepädagogik bis hin zur Kinderbibelforschung reichen. Die religionspädagogische Ausbildung im deutschsprachigen Raum hat er durch die Herausgabe von Lehrbüchern - zumeist gemeinsam mit Rainer Lachmann – über Jahrzehnte geprägt. Als Herausgeber der Zeitschrift „Glaube und Lernen“ und „Schulfach Religion“, sowie als langjähriger Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät (1999-2006) setzte er wichtige Akzente. Eine Frucht seiner internationalen Tätigkeit ist, dass ihm von der Budapester Károli Gáspár Universität im Jahr 2000 der Ehrendoktor verliehen wurde.

Publikationen

  • Religionspädagogisches Kompendium (hg. gem. m. R. Lachmann), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1984 (8. Aufl. 2013);
  • Neues Gemeindepädagogisches Kompendium (hg. gem. m. R. Lachmann), Göttingen: V&R unipress, 2008
  • Elementare Bibeltexte. Exegetisch – systematisch – didaktisch (hg. gem. m. R. Lachmann und C. Reents), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001 (7. Aufl. 2018).

Robert Schelander, seit 1997 (Extraordinariat)

* 11.3.1960 in Klagenfurt

Die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Beiträge liegen in der historischen Religionspädagogik und in Forschungen zu Religion und Schule. Viele Artikel haben ihnen Ort in aktuellen Fragestellungen zur religiösen Bildung in Österreich und sind verankert in einer langjährige Redaktionstätigkeit bei den religionspädagogischen Zeitschriften (Das Wort und Schulfach Religion).

Publikationen

  • Religionstheorie und Reformbewegung. Eine Untersuchung zur liberalen Religionspädagogik, Würzburg: Stephans-Buchhandlung, 1993.
  • Jakob Glatz. Theologe – Pädagoge – Schriftsteller (hg. gem. m. G. Adam), Göttingen: V&R unipress, 2010.
  • Kultur der Anerkennung. Würde - Gerechtigkeit - Partizipation für Schulkultur, Schulentwicklung und Religion (hg. gem. m. M. Jäggle, T. Krobath, H.  Stockinger), Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2013.

Martin Rothgangel, seit 2010

* 12.6.1962 in Weiden in der Oberpfalz

Seine Forschungsschwerpunkte liegen in empirischen Studien zum Religionsunterricht, in komparativer Forschung zur religiösen Bildung an Schulen in Europa, in wissenschaftstheoretischen Grundfragen der Religionspädagogik sowie in der Entwicklung einer Allgemeinen Fachdidaktik. Unter seiner Leitung gibt das religionspädagogische Institut gegenwärtig u.a. die religionspädagogische Online-Zeitschrift „Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik“ (www.theo-web.de) sowie die internationale fachdidaktische Online-Zeitschrift „RISTAL“ (Research in Subject-matter teaching and learning; www.ristal.org) heraus.

Publikationen

  • Religionspädagogik im Dialog: Disziplinäre und interdisziplinäre Grenzgänge, Stuttgart: Kohlhammer, 2014
  • Religious Education at Schools in Europe (hg. gem. m. M. Jäggle). Vol. 1 – 6, Göttingen: V&R Unipress, 2014.
  • Lernen im Fach und über das Fach hinaus. Bestandsaufnahmen und Forschungsperspektiven aus 17 Fachdidaktiken im Vergleich. Allgemeine Fachdidaktik Bd. 2 (hg. gem. m. H. Bayrhuber u.a.), Münster: Waxmann Verlag, 2020.

3 Profile, Programme, Impulse

2013 wurde an der Universität Wien das Zentrum für Lehrer*innenbildung eingerichtet. Beide habilitierten Mitglieder des Instituts (Rothgangel und Schelander) sind auch hier zugeordnet. Dies bedeutet eine Verstärkung des interdisziplinären bildungswissenschaftlichen Dialogs und damit eine weitere Fokussierung auf Fragestellungen der Lehrer*innenbildung. Die Tätigkeit von Martin Rothgangel in der Gesellschaft für Fachdidaktik (GFD) und Robert Schelander in der Österreichischen Gesellschaft für Fachdidaktik (ÖGFD) haben Fragen der wissenschaftstheoretischen Selbstvergewisserung – z. B. was ist das Gemeinsame bzw. das Unterschiedliche der verschiedenen Fachdidaktiken – in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sowie zu einem Forschungsschwerpunkt Allgemeine Fachdidaktik geführt.

Die Zusammenarbeit mit anderen religionspädagogischen Ausbildungsstätten in Wien hat sich intensiviert. Durch die jüngste Reform der Lehramtsausbildung in Österreich gibt es eine verstärkte Zusammenarbeit mit evangelischen Kolleg*innen an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (KPH) nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Forschung (z.B. Dk:RU - Dialogisch-konfessioneller Religionsunterricht). Auch mit der katholischen und islamischen Religionspädagogik gibt es gemeinsame Forschungsprojekte; die Unterbringung im gemeinsamen Gebäude in der Schenkenstrasse 8-10 hat diese Kooperationen verstärkt. Fragen zu religiöser Bildung an der Schule, dem Religionsunterricht und das Verhältnis zu ethischer Bildung und dem Ethikunterricht werden gemeinsam bearbeitet.

Seit 2018 haben diese Kooperationen zwischen evangelischer, katholischer und islamische Religionspädagogik einen institutionellen Ausdruck im „Wiener Forschungsforum für interreligiöse Bildung“ gefunden.

Interessant ist der Blick auf die wissenschaftliche Nachwuchsförderung, weil er eine wesentliche Differenz zwischen der Zeit vor und nach der Verselbständigung des religionspädagogischen Instituts zeigt: Von 1905 (Promotion von Karl Julius Bauer zum Thema „Die evangelische Landschaftsschule in Linz“) bis zur Institutsgründung 1984 sind insgesamt vier religionspädagogische Promotionen und eine Habilitation (1978: Susanne Heine) zu verzeichnen. Seit der Institutsgründung wurden hingegen insgesamt 20 religionspädagogische Promotionen und fünf Habilitationen abgeschlossen. Dabei spiegeln die abgeschlossenen Qualifikationsarbeiten der letzten zehn Jahre auch gegenwärtige Forschungsschwerpunkte des religionspädagogischen Instituts wider:

  • Ruf der Praxis. Selbstverständnis und Profil evangelischer Schulen in Ungarn, Habilitation: Mónika Solymár, 2018.
  • Tierethik im christlichen Religionsunterricht. Eine religionspädagogische Grundlegung und Analyse, Dissertation: Janine Eichler, 2017.
  • Beruf: Pfarrperson. Eine Untersuchung zu Berufsbild und Ausbildung, Dissertation: Reinhold Becker, 2015.
  • Wie Schüler argumentieren. Eine religionspädagogisch-empirische Studie zur Verwendung von Argumentationsmustern bei Schülern der gymnasialen Oberstufe am Beispiel Schöpfung und Evolution, Habilitation: Thomas Weiß, 2014.
  • Vorurteile gegen Juden im christlichen Religionsunterricht. Eine qualitative Inhaltsanalyse aktueller Lehrpläne und Schulbücher in Deutschland und Österreich, Dissertation: Julia Spichal, 2014.
  • Spirituelle Kompetenz. Eine qualitativ-empirische Studie zu Spiritualität in der Ausbildung zum Pfarrberuf, Dissertation: Sabine Hermisson, 2014.
  • Gottesvorstellungen baptistischer Erwachsener im interkulturellen Vergleich, Dissertation: Andrea Klimt 2014.
  • Erziehung zur Religion. Bilderbücher und Unterrichtsprogramme für jüdische Kinder aus evangelischer Perspektive, Dissertation: Susanne Lechner-Masser, 2013.
  • Gottesdienst in der Konfirmandenarbeit. Eine triangulative Studie, Habilitation: Karlo Meyer, 2012.
  • Wahrnehmungs- und Diagnosekompetenzen von ReligionslehrerInnen, Dissertation: Britta Klose, 2012.
  • Friedhofspädagogik, Dissertation: Michael Wolf, 2011.
  • Kinderbibeln im Lichte des jüdisch-christlichen Dialogs, Dissertation: Volker Menke, 2010.